opera news

download from google play download from apple store

Pull to refresh

Pull to refresh

Pull to refresh

Pull to refresh

Pull to refresh

Pull to refresh

Pull to refresh

Pull to refresh

Pull to refresh

Connection failed Try again

opera news

download from google play download from apple store

SS-General Berger über den ukrainischen Faschisten Bandera: „Unerhört wertvoll“

Berliner Zeitung 07/8/2022

View pictures in App save up to 80% data.
AP/Efrem LukatskyFackelzug in Kiew im Januar 2022 für den Antisemiten und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera. Ukrainische Nationalisten verehren ihn wegen seines Kampfes für eine unabhängige Ukraine.

Die Propagandaabteilung im Kreml dürfte den ukrainischen Botschafter in Deutschland derzeit für einen guten Mann halten – bietet Andrij Melnyk doch geeigneten Stoff, um die russische Legende von der notwendigen Entnazifizierung der Ukraine zu unterfüttern.

Melnyk zeigt seit Jahren immer wieder seine Verehrung für den ukrainischen Faschisten und Nationalistenführer Stepan Bandera (1909–1959), einen ausgewiesenen Antisemiten, Polen-Hasser und Nazi-Kollaborateur. In einem Video-Interview mit dem Journalisten Tilo Jung leugnete Melnyk Banderas Verantwortung für Judenpogrome und gegen Polen gerichtete ethnische Säuberungen.

Hunderttausende starben bei den Aktionen der von Bandera befehligten und motivierten Kämpfer des radikalen Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B). Auch am Massaker von Babyn Jar waren sie im September 1941 beteiligt.

Wie Bandera in Sachsenhausen lebte

Melnyk erwähnte in dem aufschlussreichen Interview, sein Held sei ins Konzentrationslager Sachsenhausen gesteckt worden, das zentrale KZ der Reichshauptstadt in Oranienburg. Er habe sich „das angesehen“. Saß Bandera jahrelang als Häftling im KZ, isoliert von seinen Truppen? Bandera als gequältes Opfer des NS-Regimes? Wirklich?

Die Mitarbeiter der Gedenkstätte wissen nichts von einem dem Gefangenen Bandera  gewidmeten Besuch. „Es wäre ungewöhnlich, wenn ein Botschafter seine Visite nicht ankündigt“, sagt Günter Morsch, 1993 bis 2018 Direktor der Gedenkstätte und des Museums in Sachsenhausen. Auch der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Horst Seferens bestätigt das. Beide hätten gern ihr Wissen über den besonderen Häftling mit Andrij Melnyk geteilt und ihm gezeigt, wie Stepan Bandera in Sachsenhausen lebte. Nun zeigen sie es der Berliner Zeitung.

View pictures in App save up to 80% data.
Föderaler Sicherheitsdienst Russlands/Gedenkstätte SachsenhausenKarl-Otto Koch, Kommandant des KZ Sachsenhausen, 1937 mit seinem Hund vor dem Eingang des Zellenbaus.

Hinter einer 2,70 Meter hohen Mauer aus grauen Hohlblocksteinen mit Stacheldrahtkrone und eigenem Eingang lag an der Peripherie des eigentlichen Lagers der sogenannte Zellenbau, das Hausgefängnis der Gestapo, ein 1936 errichteter, T-förmiger Steinbau, abgegrenzt von den bis zu 30.000 „normalen“ Lagerinsassen.

Vom Zellenbauflügel B, in dem Bandera untergebracht war, sind nur noch die Fundamente erhalten, ebenso wie von Flügel C, in dem Prominente wie Pastor Martin Niemöller, der französische Ministerpräsident Paul Reynard, Hitler-Attentäter Georg Elser oder Stalins Sohn Jakow Dschugaschwili saßen. Im Flügel A informiert eine Ausstellung über die Inhaftierten.

Bandera hatte eine Woche nach dem deutschen Einmarsch einen eigenen ukrainischen Staat proklamiert. Für dieses Ziel hatten er und seine Leute mit der Wehrmacht kollaboriert. Nun nutzte er die vermeintliche Gunst der Stunde, um seinen Traum von einer ethnisch homogenen, faschistisch organisierten Ukraine wahr zu machen: eine „Ukraine für Ukrainer“. Nazi-Deutschland aber verfolgte andere Pläne im neuen Kolonialraum Ost. Bandera wurde zunächst nach Berlin verfrachtet, wo er sich noch einige Zeit frei bewegen konnte, bis er Ende 1941 festgesetzt wurde.

Günter Morsch zählt am B-Flügel die Zellen ab, bis er den Ort bestimmt hat: „Zelle 72 und 73 wurden durch Wandabreißen zusammengelegt, um Bandera einen größeren Raum zu schaffen, etwa 15 Quadratmeter. Das wissen wir von den Kalfaktoren“, sagt Morsch. Dieses Hilfspersonal beschrieb auch die Ausstattung: Möbel, Teppich, Bilder an der Wand. Bandera trug seine eigene Kleidung, erhielt Sonderrationen Essen, bekam Besuch von seiner Frau, die in Charlottenburg wohnte und Lebensmittelpakete mitbrachte. Sie trug auch Informationen herein und hinaus – möglicherweise auch Befehle.

View pictures in App save up to 80% data.
Berliner Zeitung/Maritta TkalecDie Grundmauern von Flügel B des Zellenbaus im KZ Sachsenhausen, am Ort der Zellen 72 und 73, die für Stepan Bandera zusammengelegt wurden. Sie lagen rechts und links der mit einem Stein markierten Grundmauer. Im Hintergrund Flügel A, davor drei Folterpfähle.

Und Bandera war nicht allein: „Bei ihm befanden sich seine Untergebenen in Stärke von sechs Mann“, sagte der SS-Mann Kurt Eccarius, Chef des Zellenbaus und diensthabender Aufseher, aus, als ihn am 22. August 1946 der sowjetische Oberstleutnant Nowikow verhörte. Laut Eccarius wurden „diese Personen auf Befehl der Hauptleitung der Gestapo im Gegensatz zu den anderen Inhaftierten in besonderen Haftverhältnissen gehalten. Außerdem kam von der Gestapo Berlin ein gewisser Schultze zu ihm in die Zelle.“

Bandera sei auch mehrere Male nach Berlin gefahren (laut Morsch mit der grünen Minna wahrscheinlich in die Gestapo-Zentrale). Was Bandera mit der Gestapo zu tun hatte, wisse er nicht, sagte Eccarius, aber von Gestapo-Schultze wusste er: „1944 wurde Bandera mit allen seinen Untergebenen aus dem Gefängnis entlassen und zur Führung der ukrainischen Untergrundorganisation gegen die Rote Armee und das kommunistische Regime im Sowjetstaat abgestellt.“ Das von einem Übersetzer ins Deutsche übertragene Protokoll ist von Eccarius unterzeichnet und liegt wie Dutzende andere im Archiv der Gedenkstätte.

Nach KZ-Entlassung direkt zur SS

Tatsächlich wurde Bandera laut der als Original im Archiv des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in Moskau überlieferten „Veränderungsmeldung“ am 29. September 1944 aus Sachsenhausen entlassen; auch der „Häftlings-Geld- und Effektenverwalter“ hinterließ seinen Vermerk. Ein ungewöhnlicher Vorgang. Andere Prominente wurden irgendwann in andere KZ überführt oder hingerichtet.

Und was machte Bandera in Freiheit? Er bat Gottlob Berger, SS-Obergruppenführer und Chef des SS-Hauptamtes, um ein Gespräch. Berger arbeitete zu jener Zeit am Aufbau einer aus nicht deutschen Nazi-Kollaborateuren bestehenden Armee zum Kampfeinsatz gegen die vorrückenden Alliierten, vor allem gegen die Rote Armee. Die nach ihrem ersten Kommandanten, einem ehemaligen Sowjet-General, Wlassow-Armee benannten Verbände erreichten anfangs eine Truppenstärke von 40.000 Mann, die bis Kriegsende verdoppelt wurde.

„Hasst Russen wie Deutsche“

Der SS-Grande empfing den Ukrainer am 5. November 1944 und schickte am Tag darauf das Gesprächsprotokoll an Heinrich Himmler. Unter der zackigen Anrede „Reichsführer!“ protokollierte Berger die Kooperationsbereitschaft Banderas in der Wlassow-Armee. Da heißt es (hier in verkürzter Wiedergabe): Bandera wolle nicht mit dem Russen Wlassow zusammenarbeiten, weil er dann seine Anhänger in der Ukraine verlieren würde. Berger schloss daraus: „Eine Zusammenarbeit zwischen Bandera und Wlassow wird nur äußerlich kommen und auch nur so lange, wie wir sie befehlen.“

View pictures in App save up to 80% data.
Maritta TkalecGottlob Berger, Chef des SS-Hauptamtes, protokollierte ein Gespräch mit Stepan Bandera vom 5. November 1944 und schickte es an Heinrich Himmler. Hier die erste von drei Seiten.

Auf Banderas Zögern entgegnete Berger, er solle sich vorstellen, „Deutschland käme mit Russland in irgendeinen Frieden.“ Diese Möglichkeit habe Bandera „sichtlich erschreckt“; dieser sei von einem Sieg Englands und Amerikas „restlos überzeugt“. Bandera ging nach Bergers Darstellung davon aus, dass er so viele Anhänger habe, dass Stalin sie nicht niederwerfen könne. Stalin werde nach dem Krieg die Ukraine in Ruhe lassen und sich „erst auf andere Völker werfen“. Kommentar Berger: „Er meint damit uns.“

Und Berger drängte Bandera zur Einsicht, es sei „allerhöchste und letzte Zeit, sich nun aktiv einzusetzen“. Dass Stalin nach einem „wirklichen Sieg“ nicht in der Lage sei, „mit dem ukrainischen Volk fertig zu werden, glaube er ja wohl selber nicht“. Am Ende des Protokolls liefert Berger noch seinen „Gesamteindruck“ von Bandera: „Im Augenblick für uns unerhört wertvoll, später gefährlich. Hasst sowohl Russen wie Deutsche.“

Einsatz gegen die Rote Armee

Berger schlug Himmler vor, Bandera trotzdem einzusetzen und seine Bewegung zu aktivieren. Sie könne den russischen „Nachschub doch erheblich gefährden“. Damit definierte er die Aufgabe der ukrainischen NS-Hilfstruppe: die Versorgung der im Herbst 1944 rasant Richtung Nazi-Deutschland vorrückenden Roten Armee zu sabotieren.

Am 11. April 1945, unmittelbar vor der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, beschoss die in der Nähe stationierte Wlassow-Armee noch das Lager und marschierte dann Richtung Süden ab, um schließlich die Seite zu wechseln – zu den Prager Aufständischen gegen die deutsche Besatzung.

Die Eccarius-Verhörprotokolle und das Berger-Protokoll sind im Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen einsehbar. Andrij Melnyk kennt sie offenbar nicht. Günter Morsch hat mehrfach versucht, das Berger-Protokoll der ukrainischen Öffentlichkeit bekannt zu machen: Als eine ukrainische Fernsehjournalistin einen Film über Sachsenhausen drehte, habe er das Dokument in die Kamera gehalten. Es wurde herausgeschnitten.

Veteranengruppen wollen Bandera-Denkmal

Als der ukrainische Präsident Petro Poroschenko am 20. Mai 2017 die Gedenkstätte besuchte, Günter Morsch ihn führte und vom Turm A über dem KZ-Eingang aus die Struktur des Lagers erläuterte, habe Poroschenko nach Bandera gefragt. Morsch wies auf den Zellenbau, doch der Präsident wollte nicht hingehen. Stattdessen legte er an der Gedenktafel für die ukrainischen Opfer des KZ Sachsenhausen einen Kranz nieder und sank auf die Knie.

Mit dieser wichtigen Tafel verbindet Günter Morsch eine eigene Geschichte: Sie beginnt in den 1990er-Jahren, als Gruppen von Ukrainern vor allem aus Kanada und München den Gedenkstättendirektor drängten, eine Statue zu Ehren Stepan Banderas aufzustellen. Nach Kanada waren mit Kriegsende viele OUN-Kämpfer emigriert, vor allem Anhänger von Banderas internem Rivalen Andrij Melnyk. Auch dieser saß in Sachsenhausen. Der Vater von Botschafter Melnyk verehrte diesen Mann so sehr, dass er seinem Sohn dessen Vornamen gab. In München hingegen versammelten sich nach 1945 Veteranen des Bandera-Flügels. Ihr Held lebte dort, bis ihn 1959 ein russischer Attentäter ermordete.

„Als die Bandera-Leute verstanden, dass wir mit einem solchen Denkmal Schwierigkeiten hatten, schlugen sie Oleh Olschytsch vor, einen ukrainischen Schriftsteller, der in Sachsenhausen umgekommen war. Eine Delegation des ukrainischen Parlaments Rada setzte sich für eine Ehrung Olschytschs ein“, sagt Morsch. Doch auch der war an Judenmorden beteiligt. Auf der Basis eines wissenschaftlichen Gutachtens lehnten internationaler Beirat und Fachkommission die Ehrung ab.

Ehrentafel für alle ukrainischen Opfer des KZ

Doch sah sich die Gedenkstättenleitung veranlasst, einen tatsächlichen Mangel zu beheben: 2004 konnte eine Ehrentafel für alle ukrainischen Opfer des KZ Sachsenhausen enthüllt werden, in Anwesenheit von Vertretern der Botschaft, der Universität Kiew und Juden. Botschafter Andrej Melnyk hingegen behauptet, Ukrainer werden in Sachsenhausen ignoriert. Auch diese Melnyk-Äußerung ist offenkundig falsch.

Eines möchte Günter Morsch noch klarstellen: Auch die Prominenten, die in Sachsenhausen saßen, waren Gefangene. Sie hörten die Schreie der in und am Zellenbau Gefolterten – und wussten nicht, was auch ihnen deutsche KZ-, SS- oder Gestapo-Männer am nächsten Tag antun könnten.

Follow us on Telegram